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Was Immobilienfirmen aus dem Fall Bexio lernen können

bexio AG, ein beeindruckend erfolgreiches Schweizer Software-Unternehmen und Anbieter einer cloudbasierten Buchhaltungssoftware, hat vorletzte Woche seine AGB und Datenschutzerklärung aktualisiert.

Eine Neuigkeit darin: Bexio kann ab dem 1. Juni 2022 «Stamm-Daten für Analyse- und Marketingzwecke mit der Muttergesellschaft ‹die Mobiliar› […] teilen». Mit einer Frist von 12 Tagen dürfen also Bexio Kunden die neuen Regelungen zur Datenübergabe an das Mutterhaus Die Mobiliar annehmen, oder sie sind gezwungen, unterjährig und kurzfristigst auf einen anderen Provider für ihr Kernsystem in der Buchhaltung umzustellen. Diese Mitteilung hat einige deutliche Stellungnahmen provoziert, so z.B. vom schweizweit bekannten Datenschutz- und Tech-Spezialisten Martin Steiger (hier) oder von Urs Prantl in Inside IT (hier).

Es ist richtig, dieses Vorgehen zu thematisieren: Kundendaten mit Anderen zu teilen ist das sensitivste Thema überhaupt für jeden cloudbasierten Software-Anbieter. Nicht umsonst sind dazu im EU Umfeld mit der DSGVO umfangreiche Regelwerke entstanden. Und nicht umsonst zieht die Schweiz mit dem neuen Datenschutz-Gesetz (nDSG) nach.

Wer Kunden nicht einmal zwei Wochen Zeit für die Entscheidung gibt, einzuwilligen oder sich einen anderen Provider zu suchen, offenbart ganz einfach, dass man bereit ist, den geschaffenen Lock-in rücksichtslos auszunutzen um seine eigenen Interessen durchzusetzen.


Der Fall Bexio steht aber auch in einem grösseren Kontext: Die Mobiliar und mit ihr liierte Unternehmen wie Ringier AG haben in den vergangenen Jahren unzählige Startups und etablierte Software-Player zusammen gekauft resp. sich daran beteiligt. Deklariertes Ziel der Mobiliar ist es, sämtliche Kunden-Touchpoints in den sogenannten Ökosystemen Wohnen und KMU selber zu besetzen, - natürlich um die Geschäftsinteressen der Mobiliar und ihrer Partner durchzusetzen.

Es ist dabei selbstverständlich das gute Recht eines Unternehmens, sich in andere Geschäftsfelder hineinzubewegen, auch wenn sich viele Software-Unternehmer in der Schweiz ob der Methoden des Versicherers aus Bern und seiner Exponenten regelmässig die Augen reiben.
Aber ob alle anderen Player in den Ziel-Ökosystemen das Spiel ohne Reflexion mitspielen sollen - oder unter welchen Bedingungen -, das sollte öffentlich diskutiert werden.

Eine Branche, in die der rote Finanzplayer voll einfährt, ist bspw. die Immobilienindustrie. Und diese hat im Kern des Ökosystems "Wohnen" eigene Interessen und zentrale gesellschaftliche und ökologische Aufgaben zu erfüllen. Mit Blick auf Übernahmen und Beteiligungen der Mobiliar wie Flatfox AG, Buildigo oder GARAIO REM AG darf daher gerne durchdacht werden, welche Konsequenzen ein Vorgehen wie von Bexio vorexerziert haben könnte.

Für die Immobilienindustrie und namentlich für die Immobilieneigentümer ist es jedenfalls aus Sicht der meisten Branchen-Teilnehmer erfolgskritisch, selbst die Hoheit über die Daten in ihrem Geschäft zu behalten. Und dazu gehören an ganz prominenter Stelle natürlich auch die Kundendaten. Denn nur wer Daten über die Kunden und ihre Verhaltensweisen hat, kann beurteilen, wohin die Reise im eigenen Geschäft geht. Wer hingegen die Datenhoheit naiv oder freiwillig abgibt - wie das bspw. bei der Immobiliensuche durch das Konglomerat von Ringier, TX, Mobiliar und GA schon in mehr als 80% der Fälle Realität geworden ist - darf sich nicht wundern, wenn er nachher exorbitante Preise für einen einfachen Marktzugang oder für seine eigenen Daten bezahlen muss. Im schlimmsten Fall gefährdet er gar sein eigenes Geschäftsmodell, weil ein Anderer mehr über die Funktionsweise seines Geschäfts weiss. Oder dieser steuern kann, was durch wen im eigenen Geschäft überhaupt noch angeboten oder genutzt werden darf.
Das hat nichts mit Schwarzmalerei zu tun: wir wissen aus langer Erfahrung bspw. aus der Medienbranche, welche Konsequenzen der Verlust der Datenhoheit für eine Industrie hat. Bexio zeigt in diesem Zusammenhang nur, dass die Logiken genau so greifen und diesbezügliche Änderungen in den Mobiliar Ökosystemen innert weniger als zwei Wochen durchgedrückt werden können.


Was die Immobilienindustrie angeht bin ich darum fest davon überzeugt, dass sie einen viel grösseren Fokus auf Datenhoheit und Datenzugänglichkeit legen muss. Dies aus wirtschaftlichen, aber auch aus gesellschaftlichen Gründen, und sowieso aus Sicht der Kreislaufwirtschaft, in der die direkte Verfügbarkeit von Daten absolut zentral ist.

Das ist eine der Hauptmotivationen, warum ich mit zahlreichen Mitstreitern - bspw in The Branch - daran arbeite, dass unter dem label #openrealestate in der Immobilienindustrie vor allem EIN Ökosystem entsteht: nämlich EIN RADIKAL OFFENES - und damit eines, das weder die Farbe rot, blau oder grün noch sonst was trägt. Das ist das, was diese Industrie verdient, und das Einzige, was funktionieren kann für Immobilienunternehmen.

Ich werde in den kommenden Monaten darum farbunabhängig und regelmässig darüber berichten, mit welchen technischen Instrumenten und Vertragskomponenten man wirklich offene Ökosysteme baut.